Tengwar (Quenya: „Buchstaben“, Einzahl: Tengwa) ist das bekannteste und schönste Schriftsystem in Tolkiens Welt – die eleganten, geschwungenen Zeichen, die man von der Inschrift des Einen Rings, dem Westtor von Moria und vielen anderen Stellen kennt. Tolkien entwickelte Tengwar als vollständiges, linguistisch durchdachtes Schriftsystem: nicht als Dekoration, sondern als funktionale Schrift, die für jede Sprache verwendet werden kann. Er selbst schrieb auf Englisch in Tengwar – und ließ die Ringe-Inschrift, die Westtor-Inschrift und Galadriels Gabe in Tengwar erscheinen.
Steckbrief
| Name | Tengwar (Quenya: „Buchstaben“) |
| Einzahl | Tengwa |
| Erfunden von | Fëanor (innerhalb der Mythologie) |
| Vorgänger | Sarati (Rúmils Schrift) – von Fëanor verbessert |
| Typ | Kein Alphabet; Lautzeichen-System (abugida-ähnlich) |
| Sprachen | Für Quenya, Sindarin, Westron, Englisch (und andere) verwendbar |
| Bekannte Verwendungen | Einer Ring; Westtor Moria; Tolkiens eigene Widmungen |
| Hauptquelle | Der Herr der Ringe, Anhang E: „Schrift und Lautlehre“ |
Name und Bedeutung
| Begriff | Bedeutung |
|---|---|
| Tengwar | Plural: „Buchstaben“, „Zeichen“ |
| Tengwa | Singular: „ein Buchstabe“, „ein Zeichen“ |
| Certar / Cirth | Runenartige Schrift der Zwerge und frühen Elben (andere Schrift) |
| Sarati | Älteste Elfenschrift (von Rúmil, vor Tengwar) |
Der Aufbau der Tengwar
Tengwar ist kein Alphabet in unserem Sinne (wo jeder Buchstabe unabhängig ist), sondern ein systematisches Lautzeichen-System. Jedes Zeichen besteht aus zwei Elementen, die seinen Klang beschreiben:
Telco und Lúva: Stamm und Bogen
Jedes Tengwa besteht aus einem Telco (Stamm: vertikal, lang oder kurz, über oder unter der Linie) und einem oder zwei Lúvar (Bogen: links oder rechts angehängt, einfach oder doppelt).
Die Kombination von Stamm-Länge und Bogen-Position/Dopplung kodiert direkt den Klang:
| Merkmal | Bedeutung |
|---|---|
| Einfacher Bogen | Stimmloses Gegenstück (z.B. t, p, c) |
| Doppelter Bogen | Stimmhaftes Gegenstück (z.B. d, b, g) |
| Stamm über Linie | Nasale Gegenstücke (z.B. nd, mb, ng) |
| Stamm unter Linie | Spiranten (z.B. th, f, ch) |
| Linker Bogen | Eine Reihe von Lauten |
| Rechter Bogen | Andere Reihe |
Das System ist so gebaut, dass verwandte Laute auch ähnlich aussehen – es ist eine phonemische Schrift in direktem Wortsinn.
Die vier Témar – Hauptreihen
Die Tengwar sind in vier Témar (Hauptreihen) und sechs Tyeller (Grade/Stufen) geordnet:
| Reihe (Téma) | Zugeordnete Laute |
|---|---|
| 1. Tincotéma | Zahnlaute: t, d, th, dh, n, r |
| 2. Parmatéma | Lippenlaute: p, b, f, v, m, w |
| 3. Calmatéma | Gaumenlautet: c, g, ch, gh, ñ, ng |
| 4. Quessetéma | Labiovelar: kw, gw, chw, ghw, nw, rw |
Tehtar: Die Vokalzeichen
Ein wichtiges Merkmal der Tengwar: Vokale werden nicht als eigene Buchstaben geschrieben, sondern als kleine Zeichen (Tehtar, Einzahl: Tehta) über oder unter den Konsonanten.
Das ist vergleichbar mit arabischen oder hebräischen Schriften, die Vokale oft weglassen oder als diakritische Zeichen darstellen.
In Quenya werden Tehtar über den folgenden Konsonanten geschrieben; in Sindarin (Westtor-Modus) über den vorhergehenden Konsonanten. Das ist einer der Gründe, warum es verschiedene Modi gibt.
Die Modi: Verschiedene Schreibweisen
Da Tengwar für viele Sprachen benutzt werden kann, gibt es verschiedene Modi – sprachspezifische Schreibkonventionen:
| Modus | Sprache | Charakteristik |
|---|---|---|
| Klassischer Quenya-Modus | Quenya | Voller Vokalschreibung mit Tehtar |
| Beleriand-Modus | Sindarin (Erstes Zeitalter) | Vokale als eigene Buchstaben |
| Allgemeiner Modus | Sindarin (3. ZA); auch Westron | Tehtar über vorhergehendem Konsonanten |
| Englischer Modus | Tolkiens eigene Schrift für Englisch | Angepasste Zuordnungen |
Der Eine Ring ist in einem Sindarin-nahen allgemeinen Modus der Schwarzen Sprache geschrieben. Das Westtor Morias ist im Beleriand-Modus (Sindarin). Tolkiens Buchwidmungen sind oft im englischen Modus.
Die berühmtesten Tengwar-Inschriften
Die Ring-Inschrift
Die bekannteste Tengwar-Inschrift ist die des Einen Ringes – in der Schwarzen Sprache Saurons geschrieben, mit dem allgemeinen Modus:
Ash nazg durbatulûk, ash nazg gimbatul, ash nazg thrakatulûk, agh burzum-ishi krimpatul
„Ein Ring, sie zu knechten, sie alle zu finden, ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden.“
Die Inschrift erscheint im Feuer – im kalten Zustand ist der Ring äußerlich glatt. Tolkien hat diese Inschrift in Tengwar-Zeichen selbst entwickelt und in den Büchern abgedruckt.
Das Westtor Morias
Die Westtor-Inschrift in Tengwar (Beleriand-Modus, Sindarin):
Ennyn Durin Aran Moria: pedo mellon a minno. Im Narvi hein echant. Celebrimbor o Eregion teithant i thiw hin.
„Die Tore Durins des Herrn von Moria. Sprich Freund und tritt ein. Ich, Narvi, baute sie. Celebrimbor von Eregion schrieb diese Zeichen.“
Tolkiens eigene Widmungen
Tolkien schrieb viele Widmungen in Büchern und Briefe in Tengwar – auf Englisch. Diese sind ein Beweis dafür, dass Tengwar kein bloßes Dekorationselement ist, sondern ein funktionsfähiges Schriftsystem, das Tolkien selbst benutzte.
Wie Tengwar aussieht: Die Grundzeichen
Die Grundstruktur der wichtigsten Tengwar-Zeichen – schematisch beschrieben (für die visuelle Darstellung empfiehlt sich eine Tengwar-Schriftart oder ein Lehrbuch):
| Laut | Beschreibung des Zeichens |
|---|---|
| t (tinco) | Langer Stamm über Linie; einfacher rechter Bogen |
| d (ando) | Langer Stamm über Linie; doppelter rechter Bogen |
| th (thúle) | Stamm unter Linie; einfacher rechter Bogen |
| p (parma) | Langer Stamm über Linie; einfacher linker Bogen |
| b (umbar) | Langer Stamm über Linie; doppelter linker Bogen |
| n (númen) | Kurzer Stamm; einfacher rechter Bogen |
| m (malta) | Kurzer Stamm; einfacher linker Bogen |
| r (óre) | Nur Stamm, kleiner Bogen |
| s (silme) | Geschwungenes Zeichen ohne Stamm |
Tengwar lernen
Tengwar ist das zugänglichste Schriftsystem in Tolkiens Welt, weil:
- Die Logik des Systems sehr klar ist
- Viele Ressourcen verfügbar sind (Schriftarten, Tutorials, Lehrbücher)
- Man es für Englisch oder Deutsch anpassen kann
Einstieg: Am besten mit dem Allgemeinen Modus für Englisch beginnen – der ist am häufigsten für Fanprojekte dokumentiert. Für Sindarin-Texte den Beleriand-Modus lernen.
Ressourcen:
- Tolkiens eigene Erklärung: Der Herr der Ringe, Anhang E
- Pesch, Helmut W.: Elbisch – Grammatik, Schrift und Wörterbuch (Kapitel zu Tengwar)
- Tolkien-Schriftarten für den Computer: Tengwar Annatar, Tengwar Parmaite (kostenlos verfügbar)
Weiterführende Seiten
- Tolkiens Sprachen – Quenya, Sindarin und Tengwar im Überblick
- Quenya – Tolkiens Hochelbisch
- Sindarin – die Elbensprache im Herrn der Ringe
- Fëanor – mächtigster Noldo und Erschaffer der Silmaril
FAQ: Häufige Fragen zu Tengwar
Was ist Tengwar?
Tengwar ist das bekannteste Schriftsystem in Tolkiens Welt – elegante, geschwungene Zeichen, die für die Inschrift des Einen Rings, das Westtor Morias und viele andere Stellen verwendet wurden. Es wurde innerhalb der Mythologie von Fëanor erfunden und ist kein Alphabet, sondern ein systematisches Lautzeichen-System.
Wer hat Tengwar erfunden?
Innerhalb von Tolkiens Mythologie wurde Tengwar von Fëanor – dem mächtigsten Elbenschmied – in Valinor erfunden, als Verbesserung der älteren Sarati-Schrift Rúmils. In der realen Welt entwickelte Tolkien das Schriftsystem über Jahrzehnte parallel zu seinen Sprachen.
Wie funktioniert Tengwar?
Jedes Tengwar-Zeichen besteht aus einem Stamm (lang oder kurz, über oder unter der Schreiblinie) und einem oder zwei Bögen (links oder rechts, einfach oder doppelt). Die Form beschreibt direkt den Klang. Vokale werden meist als kleine Zeichen (Tehtar) über oder unter die Konsonanten geschrieben.
Was steht auf dem Einen Ring in Tengwar?
Die Inschrift des Einen Rings ist in der Schwarzen Sprache Saurons geschrieben, in Tengwar-Zeichen: Ash nazg durbatulûk, ash nazg gimbatul, ash nazg thrakatulûk, agh burzum-ishi krimpatul – „Ein Ring, sie zu knechten, sie alle zu finden, ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden.“
Kann man Tengwar für Deutsch oder Englisch benutzen?
Ja. Tolkien selbst schrieb auf Englisch in Tengwar. Das Schriftsystem ist für jede Sprache verwendbar; es gibt verschiedene Modi für verschiedene Sprachen. Für Deutsch gibt es Community-entwickelte Modi, die der deutschen Phonetik angepasst sind.
Quellen
- Tolkien, J.R.R.: Der Herr der Ringe, Anhang E: „Schrift und Lautlehre“ (Tolkiens eigene Erklärung der Tengwar)
- Pesch, Helmut W.: Elbisch – Grammatik, Schrift und Wörterbuch, Bastei Lübbe