Inhaltsverzeichnis

Steinriesen in Mittelerde – Rätsel des Nebelgebirges

Steinriesen (bei Krege auch: Bergriesen) sind eines der geheimnisvollsten Wesen in Tolkiens Mittelerde. Sie tauchen nur an einer einzigen Stelle in den veröffentlichten Werken als handelnde Wesen auf – und selbst da bleibt unklar, was sie wirklich sind. Tolkien lässt ihre Natur bewusst im Dunkeln: ein bewusstes Gestaltungsprinzip, das er auch bei anderen Wesen wie Tom Bombadil anwandte.


Die einzige direkte Erwähnung: Der Hobbit

Auf dem Weg zum Einsamen Berg muss Thorins Gesellschaft den Hohen Pass des Nebelgebirges überqueren. Ein gewaltiges Gewitter bricht los – und inmitten der Blitze und Sturmböen erscheinen die Steinriesen:

Unter den Blitzen konnten sie Steingiganten sehen, die sich hinter Felsvorsprüngen versteckten, gewaltige Steinblöcke aufsammelten und einander zuwarfen, sodass die Luft von Splittern widerhallte.

Der Hobbit, Kap. 4: „Über den Berg und unter den Berg“

Die Riesen spielen keine aktive Rolle gegenüber der Gesellschaft; sie nehmen keine Notiz von Bilbo und den Zwergen. Tolkien liefert keinen Kommentar zu ihrer Natur, ihrer Absicht oder ihrem Ursprung. Nach diesem einen Auftritt verschwinden sie aus der Geschichte.


Was wissen wir – und was nicht?

FrageWas die Texte sagen
HerkunftUnbekannt; keine Angabe in den veröffentlichten Werken
Natur (gut/böse/neutral)Nicht definiert
Intelligenz / SpracheNicht überliefert
Verbindung zu Sauron oder MorgothKeine explizite
VorkommenAusschließlich im Nebelgebirge (laut Hobbit)
Verbindung zu anderen WesenKeine nachgewiesene

Der Tolkien-Forscher Robert Foster schreibt in seinem Mittelerde-Lexikon, Steinriesen seien möglicherweise eher ein Stück Hobbit-Folklore – also Teil der Erzähltradition der Hobbits, nicht notwendigerweise buchstäblich existierende Wesen in der Welt Ardas.


Mögliche Deutungen

Da Tolkien die Steinriesen nirgends einordnet, haben Leser und Wissenschaftler verschiedene Deutungen vorgeschlagen:

1. Naturgeister: Die Steinriesen könnten mit Stürmen, Erdrutschen und dem Wetter des Nebelgebirges verbunden sein – ähnlich wie die Adler mit Manwë, dem Herrn der Winde. Diese Deutung stützt sich auf die enge Verbindung ihres Auftritts mit dem Gewitter.

2. Maiar in Gesteinsgestalt: Wie andere mächtige Wesen in Tolkiens Welt (Adler, Balrogs, Sauron selbst in tierischer Gestalt) könnten Steinriesen Maiar sein, die Steingestalt angenommen haben. Tolkien nutzte dieses Muster häufig.

3. Hobbit-Folklore: Der Eindruck im Text ist flüchtig und überwältigend – möglicherweise sehen die Hobbits und Zwerge in einem extremen Gebirgssturm etwas, das sie als Wesen interpretieren, das keines ist.

4. Frühe Weltgebäude: In Tolkiens frühen Schriften (Buch der Verschollenen Geschichten II) werden zwei Riesen mit Namen genannt: Gilim (Sommer) und Nan (Winter). Das deutet darauf hin, dass Riesen in Tolkiens ursprünglichem Entwurf eine stärkere mythologische Rolle spielten, die er später zurücknahm.

Keine dieser Deutungen ist durch Tolkiens veröffentlichte Texte eindeutig belegt. Das Rätsel ist Teil des bewussten Designs.


Indirekte Erwähnungen im Herrn der Ringe

Im Herrn der Ringe erscheinen Steinriesen nicht mehr direkt. Es gibt jedoch zwei Stellen, die möglicherweise auf sie verweisen:

  1. Am Caradhras sagt Gandalf, dass es „ältere Wesen“ gebe, die nichts mit Sauron zu tun hätten und doch Böses sännen. Es ist offen, ob er damit Steinriesen, Balrogs oder etwas anderes meint.
  2. In der Beschreibung von Minas Tirith heißt es, die Mauern seien so gewaltig und alt, dass sie nicht gebaut, sondern von Riesen aus dem Fels gehauen zu sein schienen – eine metaphorische Verwendung, die zeigt, dass der Begriff „Riese“ in Mittelerde als Maßstab für das Ungeheure gebraucht wird.

Etymologie des Namens

Die englische Bezeichnung Stone-giant verwendet Tolkien im Hobbit. Im Deutschen übersetzte Walter Scherf mit Steingiganten, Krege mit Bergriesen. Der Begriff Giant im Englischen geht auf das lateinische gigas zurück, das seinerseits vom griechischen Giganten der Mythologie stammt. Tolkien, der Mittelerde aus nordeuropäischer Mythologie destillierte, kannte die altnordischen Jötnar (Riesenartige) gut – sie inspirierten sein Weltbild, ohne direkt übertragen zu werden.


Quellen

  • Tolkien, J.R.R.: Der Hobbit – Kap. 4 „Über den Berg und unter den Berg“; Kap. 7 „Ein sonderbares Quartier“ (Erwähnung bei Beorn)
  • Tolkien, J.R.R.: Der Herr der Ringe – Die Gefährten, Buch II, Kap. 3; Die Rückkehr des Königs, Buch V, Kap. 1 (Minas Tirith, Metapher)
  • Tolkien, J.R.R.: Das Buch der Verschollenen Geschichten II – Nennung von Gilim und Nan
  • Foster, Robert: Das große Mittelerde-Lexikon, Kapitel „Bergriesen“

Hinweis: Da Tolkien die Steinriesen bewusst rätselhaft hält, ist streng zu trennen zwischen dem, was die Bücher belegen, und dem, was Interpretation ist.