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John Ronald Reuel Tolkien (kurz: J.R.R. Tolkien) (3. Januar 1892 – 2. September 1973) war britischer Schriftsteller und Philologe, Professor an der Universität Oxford und der Schöpfer der Mythenwelt Mittelerde. Sein Roman Der Herr der Ringe (1954/55) gilt als eines der meistgelesenen Bücher des 20. Jahrhunderts und als Grundlagenwerk der modernen Fantasy-Literatur.

Was viele Leser nicht wissen: Tolkien schuf diese Welt nicht als Gedankenspiel, sondern als Lebenswerk – geprägt durch Verlust, Krieg, Freundschaft und tiefen Glauben.

Diese Seite beschreibt die wichtigsten Stationen seines Lebens, von der Kindheit in Südafrika bis zu seinem Tod in England. Für eine kompakte Übersicht empfiehlt sich die Biographie-Zeittafel.

Tolkien in Zahlen

  
Geboren3. Januar 1892, Bloemfontein, Südafrika
Gestorben2. September 1973, Bournemouth, England
Alter81 Jahre
EhefrauEdith Mary Bratt (geheiratet 1916, gestorben 1971)
KinderJohn (1917), Michael (1920), Christopher (1924), Priscilla (1929)
ProfessurenOxford (Anglo-Saxon, 1925–1945); Oxford (English Language and Literature, 1945–1959)
Wichtigste WerkeDer Hobbit (1937); Der Herr der Ringe (1954/55); Das Silmarillion (1977, posthum)
AuszeichnungenCBE (1972); Ehrendoktorwürde der Universität Oxford (1972)

Frühe Kindheit in Südafrika (1892–1895)

John Ronald Reuel Tolkien wird am 3. Januar 1892 in Bloemfontein im Oranje-Freistaat (heute Südafrika) geboren. Sein Vater Arthur Reuel Tolkien (1857–1896) ist dort als Bankmanager tätig; seine Mutter Mabel, geborene Suffield (1870–1904), hat ihn in die Ferne begleitet. Ein Jahr nach Ronalds Geburt kommt Bruder Hilary Arthur Reuel (1894–1976) zur Welt.

Die Familie lebt in der Hitze des südafrikanischen Hochsommers, und das Klima bekommt der kleinen Familie nicht gut. Als Ronald knapp vier Jahre alt ist, reist Mabel im Jahr 1895 mit den beiden Jungen nach Birmingham zurück – zunächst als Urlaub geplant. In Bloemfontein erkrankt Arthur Tolkien schwer an einer inneren Blutung und stirbt dort im Februar 1896, bevor er seiner Familie nach England folgen kann. Mabel und die Kinder bleiben in England. Ronald ist zum Zeitpunkt des Todes seines Vaters vier Jahre alt.

Ein kleines, aber bedeutsames Detail aus dieser Zeit: In Südafrika wurde Ronald einmal von einer Baboonspinne gebissen, einem giftigen Tier dieser Region. Einige Tolkien-Forscher sehen darin einen möglichen frühen Eindruck, der später in die alptraumhaften Spinnenwesen seiner Bücher einfloss – von den Riesenspinnen in Der Hobbit bis hin zu Kankra in Der Herr der Ringe.

Quelle:
Carpenter, Humphrey: J.R.R. Tolkien. Eine Biographie (1977), Kapitel 1 „Das Tal von Grauen Zauber“

Sarehole – Das Auenland der Kindheit (1896–1900)

Nach dem Tod des Vaters mietet Mabel Tolkien ein kleines Haus in Sarehole, einem damals noch weitgehend ländlichen Dorf südlich von Birmingham. Für Ronald und Hilary beginnen hier vier prägende Jahre. Die Brüder streifen durch Felder und Wälder, klettern auf Bauernhöfe und kennen jeden Pfad.

Diese ländliche Idylle hinterließ tiefe Spuren. Sarehole wurde Tolkiens Vorlage für das Auenland – die behagliche, von der großen Welt unberührte Heimat der Hobbits. Die Hobbits selbst, in ihrer Vorliebe für gutes Essen, Geselligkeit und ein beschauliches Leben ohne Abenteuer, erinnern stark an die Landbevölkerung, die der junge Ronald in Sarehole beobachtete. In einem seiner Briefe schrieb Tolkien dazu:

„Ich bin in der Tat ein Hobbit – in allem außer der Körpergröße.“
— Brief Nr. 213

Schon in dieser frühen Zeit zeigt sich Tolkiens Liebe zur Sprache: Mabel unterrichtet ihre Söhne selbst in Latein, Französisch und den Anfängen des Englischen. Ronald erweist sich als außerordentlich begabt.

Quelle:
Carpenter: Biographie, Kapitel 1; Tolkien, J.R.R.: Briefe, hrsg. von Humphrey Carpenter (1981), Brief Nr. 213

Birmingham – Schule, Sprachen und der erste Verlust (1900–1904)

Im Jahr 1900 konvertiert Mabel Tolkien zum Katholizismus. Diese Entscheidung hat weitreichende Folgen: Die protestantischen Verwandten beider Familien ziehen ihre finanzielle Unterstützung zurück. Die Familie lebt fortan in noch knapperen Verhältnissen. Mabel erzieht ihre Söhne nun entschieden im katholischen Glauben – eine Prägung, die Ronald Tolkien sein gesamtes Leben begleiten wird.

Noch 1900 besteht Ronald die Aufnahmeprüfung der angesehenen King Edward’s School in Birmingham und erhält ein Stipendium. Zwischen 1900 und 1904 zieht die Familie mehrfach innerhalb Birminghams um. In King’s Heath entdeckt Ronald etwas, das ihn für sein ganzes Leben nicht mehr loslassen wird: Auf den Kohlewaggons, die hinter dem Haus vorbeifahren, stehen ungewohnte Wörter – Walisisch. Die Klanggestalt dieser Wörter fasziniert ihn sofort, auch ohne ihre Bedeutung zu kennen. Diese Begegnung wird der erste Funke für eine lebenslange Sprachliebe.

An der King Edward’s School lernt Ronald neben Latein und Griechisch auch Mittelenglisch kennen. Er beginnt, sich eigenständig weitere Sprachen zu erschließen – Altenglisch, Altnordisch, Walisisch, später auch Finnisch. Sprachen sind für ihn kein Hilfsmittel, sondern Kunstwerke, die er um ihrer selbst willen liebt.

Im April 1904 wird bei Mabel Tolkien Diabetes diagnostiziert – damals eine kaum behandelbare, lebensbedrohliche Erkrankung. Am 14. November 1904 stirbt sie, für den zwölfjährigen Ronald völlig unerwartet, nach einem sechstägigen diabetischen Koma. Ronald ist zwölf Jahre alt, Hilary zehn.

Tolkien hat den Tod seiner Mutter nie ganz verwunden. Er betrachtete ihn als eine Art Märtyrertod: Mabel hatte durch ihre Konversion zum Katholizismus den Bruch mit der Familie riskiert und damit letztlich ihre finanzielle Sicherheit geopfert. Diese Erfahrung des frühen Verlusts – und die Figur der starken, aufopferungsvollen Mutter – hallt in seinen Werken nach.

Quelle: Carpenter: Biographie, Kapitel 2 „Die Wurzeln der Berge“

Pater Francis Morgan – Vormund und Beschützer (1904–1911)

Mabel Tolkien hatte für den Fall ihres Todes Vorsorge getroffen: Sie vertraute ihre Söhne Pater Francis Xavier Morgan an, einem Priester des Birminghamer Oratoriums und einem Freund der Familie. Morgan, ein warmherziger Mann spanisch-englischer Herkunft, nahm seine Aufgabe ernst. Er sorgte dafür, dass Ronald und Hilary zunächst bei ihrer Tante Beatrice unterkamen, und kümmerte sich finanziell und persönlich um die Jungen.

1908 zogen Ronald und Hilary in das Zimmervermieterhaus von Mrs. Faulkner in Birmingham. Dort wohnte auch eine junge Frau: Edith Bratt (1889–1971), drei Jahre älter als Ronald, ebenfalls Waise und Pianistin. Zwischen den beiden entwickelte sich rasch eine innige Freundschaft, die bald zu mehr wurde.

Pater Morgan erkannte die Romanze und machte ihr – aus Sorge um Ronalds Studium – ein Ende. Im Jahr 1910 verbot er Ronald jeden Kontakt zu Edith, bis er sein einundzwanzigstes Lebensjahr vollendet haben würde. Tolkien, tief religiös und seinem Vormund gegenüber loyal, gehorchte. Er wartete – fast drei Jahre.

Quelle:
Carpenter: Biographie, Kapitel 2 und 3

Oxford – Studium und die erste Gemeinschaft (1911–1915)

Im Dezember 1910 besteht Ronald Tolkien die Aufnahmeprüfung für das Exeter College in Oxford und erhält ein Stipendium. Im Herbst 1911 beginnt er sein Studium. Er schreibt sich zunächst in den Klassischen Sprachen ein (Griechisch und Latein), wechselt aber bald zur Philologie – zu altenglischer und mittelenglischer Sprache und Literatur. Hier findet er sein eigentliches Zuhause.

In Oxford entwickelt Tolkien seine Sprachstudien mit wachsender Leidenschaft. Er beschäftigt sich intensiv mit dem Altenglischen, dem Altnordischen und beginnt autodidaktisch Finnisch zu lernen – inspiriert durch das finnische Nationalepos Kalevala, das ihn tief bewegt. Das Kalevala wird eine der wichtigsten Inspirationsquellen für seine eigene Mythologie.

Noch von der Schulzeit her pflegt Tolkien die Freundschaft zu einer kleinen, engen Gruppe: Rob Gilson, Geoffrey Bache Smith und Christopher Wiseman. Sie nennen sich scherzhaft den Tea Club and Barrovian Society (TCBS) – nach den Teepausen, die sie heimlich im Schulbistro und der nahegelegenen Barrow’s Stores-Teestube abhielten. Ihre Gespräche über Literatur, Sprache und eigene dichterische Versuche sind von einer intellektuellen Intensität, die Tolkien als einmalig beschreibt. Die TCBS wird zum Vorläufer der späteren Inklings – und zur menschlichen Blaupause für die Gemeinschaft des Rings.

Am 3. Januar 1913, exakt seinem einundzwanzigsten Geburtstag, schreibt Ronald Tolkien an Edith Bratt. Er hat drei Jahre gewartet. Edith, die sich inzwischen mit einem anderen Mann verlobt hat, löst die Verlobung und wendet sich Ronald zu. Im Sommer 1915 besteht Tolkien seine Abschlussprüfung mit dem Honours-Grad erster Klasse.

Quelle:
Carpenter: Biographie, Kapitel 3 „Freundschaft“ und Kapitel 4 „Ein Heilmittel für das Vergessen“

Der Erste Weltkrieg und die Geburt der Mythologie (1915–1918)

Nach dem Studienabschluss meldet sich Tolkien als Freiwilliger. Im Juli 1915 wird er zum Second Lieutenant der Lancashire Fusiliers ernannt. Kurz bevor sein Bataillon nach Frankreich abkommandiert wird, heiraten Ronald und Edith am 22. März 1916 in der Kirche von Warwick.

Im Juni 1916 landet Tolkien an der französischen Somme. Am 1. Juli 1916 beginnt die verheerendste Einzelschlacht der britischen Militärgeschichte. Noch an diesem ersten Tag fällt Tolkiens enger Freund Rob Gilson. Wenige Monate später, im Dezember, stirbt auch Geoffrey Bache Smith an einer Wundvergiftung. Von den vier TCBS-Gefährten überleben nur Tolkien und Christopher Wiseman den Krieg. Smith hatte Tolkien kurz vor seinem Tod geschrieben:

„Gott segne dich, mein lieber Tolkien. Mögest du sagen, was ich nicht sagen kann; möge das, was wir zu sagen haben, gesagt werden.“
— G.B. Smith, Brief an J.R.R. Tolkien, Dezember 1916 (zitiert nach Carpenter: Biographie, Kapitel 5)

Im Oktober 1916 erkrankt Tolkien am sogenannten Grabenfieber (Schützengrabenfieber), einer durch Läuse übertragenen Infektionskrankheit. Er wird auf einem Lazarettschiff nach England transportiert. Das rettet ihm möglicherweise das Leben.

Während seiner langen Rekonvaleszenz – in Birmingham, dann in Great Haywood – beginnt Tolkien, seine Mythologie ernsthaft zu Papier zu bringen. Er schreibt den ersten abgeschlossenen Text, der in seine Mythenwelt gehört: „The Fall of Gondolin (Der Fall von Gondolin). Dieser Text, der 2018 posthum als eigenständiges Buch erscheint, ist der Beginn dessen, was später das Silmarillion werden sollte. Tolkien nennt diese frühen Texte das „Buch der Verlorenen Geschichten“.

Im November 1917 wird Sohn John Francis Reuel geboren.

Quelle:
Carpenter: Biographie, Kapitel 5 „Krieg“; Tolkien: Briefe, Brief Nr. 66

Oxford English Dictionary und Leeds (1918–1925)

Nach Kriegsende im November 1918 zieht Tolkien mit seiner Familie nach Oxford und beginnt, am Oxford English Dictionary zu arbeiten – einem der anspruchsvollsten philologischen Projekte seiner Zeit. Er wird für die Erforschung von Wörtern germanischen Ursprungs eingesetzt, besonders solchen mit dem Anlaut W. Die Arbeit liegt ihm, doch er strebt nach einer akademischen Stelle.

1920 wird Tolkien als Reader (etwa: Dozent für Forschung) in Englischer Sprache an die noch junge Universität Leeds berufen. Im selben Jahr wird Sohn Michael Hilary Reuel geboren. In Leeds bemüht sich Tolkien erfolgreich darum, das Gleichgewicht zwischen Sprachwissenschaft und Literatur an der Fakultät zu verbessern – ein Anliegen, das er sein ganzes akademisches Leben verfolgt. 1924 wird er zum vollen Professor ernannt. Im selben Jahr kommt Sohn Christopher Reuel zur Welt, der spätere Herausgeber des Silmarillion und des gesamten posthumen Tolkien-Werks.

1925 erscheint Tolkiens gemeinsam mit E.V. Gordon herausgegebene wissenschaftliche Edition von Sir Gawain and the Green Knight – ein mittelalterliches englisches Epos, das er für eines der bedeutendsten Werke der englischen Literatur hält. Im selben Jahr kehrt er als Rawlinson and Bosworth Professor of Anglo-Saxon nach Oxford zurück – eine der angesehensten philologischen Professuren Englands.

1929 kommt Tochter Priscilla Mary Reuel zur Welt, das vierte und letzte Kind der Tolkiens.

Quelle:
Carpenter: Biographie, Kapitel 6 „Den Baum beschneiden“

Die Inklings und der Weg zum Hobbit (1926–1937)

Zurück in Oxford findet Tolkien rasch Anschluss an das intellektuelle Leben der Universität. 1926 trifft er bei einer Fakultätssitzung erstmals C.S. Lewis, den Autor der Chroniken von Narnia. Die Begegnung ist der Beginn einer der bedeutendsten Literaturfreundschaften des 20. Jahrhunderts. Tolkien wird maßgeblich an Lewis‘ Bekehrung zum Christentum beteiligt sein.

Aus diesem Freundeskreis entsteht in den frühen 1930er-Jahren die informelle Diskussionsrunde der Inklings – benannt nach dem Doppelsinn des englischen Wortes „inkling“ (Andeutung, aber auch: jemand mit Tintenfässchen, also ein Schreibender). Die Inklings treffen sich regelmäßig im Pub „The Eagle and Child“ in Oxford, um eigene Texte vorzulesen und zu diskutieren. Tolkien liest hier erstmals aus seinen Mittelerde-Geschichten vor; Lewis aus dem, was später zu Das Schweigen der Weißen Stadt und den Chroniken von Narnia wird.

Um 1930 beginnt Tolkien, beim Korrigieren von Studentenklausuren auf einem leeren Blatt zu schreiben:

„In einem Loch in der Erde da lebte ein Hobbit.“

Er erzählt die entstehende Geschichte zunächst seinen Kindern. Christopher Tolkien erinnert sich später, dass er als Kind auf die Fortsetzung wartete und seinen Vater manchmal dazu antrieb. Freunde, die die Geschichte kennen, drängen Tolkien zur Veröffentlichung. Am 21. September 1937 erscheint Der Hobbit beim Londoner Verlag Allen & Unwin. Das Buch wird sofort ein Erfolg. Allen & Unwin bittet umgehend um eine Fortsetzung.

Auch wissenschaftlich ist dieses Jahrzehnt bedeutsam: 1936 veröffentlicht Tolkien seinen Essay „Beowulf: The Monsters and the Critics“, mit dem er das angelsächsische Epos Beowulf literaturwissenschaftlich rehabilitiert. Der Aufsatz gilt bis heute als Meilenstein der Mediävistik.

Quelle: Carpenter: Biographie, Kapitel 7 „Den Baum beschneiden“ und Kapitel 8 „Der Dunkle Schatten“

Der Herr der Ringe – Ein Lebenswerk entsteht (1937–1954)

Im Dezember 1937 beginnt Tolkien, auf Drängen seines Verlegers eine Fortsetzung des Hobbit zu schreiben. Er ahnt nicht, dass dieses Projekt sein Leben für die nächsten zwölf Jahre bestimmen wird.

Die Arbeit an Der Herr der Ringe ist langsam und von langen Pausen unterbrochen. Tolkien schreibt, verwirft, überarbeitet. Er liest neue Kapitel regelmäßig bei den Inklings vor; C.S. Lewis ist ein begeisterter Hörer und ermutigt ihn immer wieder weiterzumachen. Ohne Lewis‘ Zuspruch wäre das Buch vielleicht nie fertiggestellt worden, wie Tolkien selbst einräumte.

Der Zweite Weltkrieg (1939–1945) überschattet diese Jahre. Tolkiens Sohn Christopher muss als Pilot zur Royal Air Force. Für Tolkien ist diese Zeit fast unerträglich; er schreibt seinem Sohn regelmäßig und liest ihm neue Kapitel in Briefen vor. Christopher sollte später, nach dem Tod seines Vaters, sein wichtigster literarischer Nachlassverwalter werden.

1945 wird Tolkien zum Merton Professor of English Language and Literature ernannt – seine zweite große Oxford-Professur.

1949 ist das Manuskript des Herrn der Ringe im Wesentlichen abgeschlossen. Es folgen Verhandlungen mit dem Verlag, Korrekturen und eine aufwändige redaktionelle Phase. Tolkien besteht auf der Veröffentlichung seines Silmarillion zusammen mit dem neuen Buch; der Verlag lehnt ab. Das Silmarillion erscheint erst posthum.

Am 29. Juli 1954 erscheint Der Herr der Ringe, Band I: Die Gefährten bei Allen & Unwin. Am 11. November 1954 folgt Band II: Die Zwei Türme. Am 20. Oktober 1955 schließlich Band III: Die Rückkehr des Königs. Die Reaktionen sind gespalten: Die akademische Kritik ist skeptisch, das Lesepublikum begeistert. In den Vereinigten Staaten erscheint 1965 eine kostengünstige Taschenbuchausgabe, die eine regelrechte Tolkien-Bewegung auslöst. In der Gegenkultur der 1960er-Jahre wird Der Herr der Ringe zur Kultlektüre.

Die deutsche Erstübersetzung erscheint 1969/70 bei Klett-Cotta.

Quelle:
Carpenter: Biographie, Kapitel 8 und 9; Tolkien: Briefe, Brief Nr. 131

Ruhm, Ruhestand und späte Jahre (1959–1971)

1959 tritt Tolkien in den Ruhestand. Er ist nun weltberühmt, aber der Ruhm ist ihm Last und Freude zugleich. Fanpost kommt in Massen; Tolkien antwortet vielen Briefschreibern persönlich und ausführlich. Diese Briefe, 1981 von Humphrey Carpenter herausgegeben, sind heute eine unschätzbare Quelle für das Verständnis von Tolkiens Denken und Werk.

In den frühen 1960er-Jahren zieht das Ehepaar Tolkien nach Bournemouth an der englischen Südküste, wo Edith das milde Klima schätzt und ein ruhiges Leben führen kann. Tolkien selbst vermisst Oxford, kehrt aber regelmäßig zurück, um sich mit Freunden zu treffen.

1968 kehren beide nach Oxford zurück, in ein Haus in Headington. Tolkien arbeitet weiter an seinem Mittelerde-Kosmos, insbesondere am Silmarillion, ohne es je zum Abschluss zu bringen.

Am 29. November 1971 stirbt Edith Tolkien in Bournemouth. Sie ist 82 Jahre alt. Tolkien schreibt kurz darauf an seinen Sohn Christopher:

„Sie war – und wusste es – meine Lúthien.“
— Brief an Christopher Tolkien, November 1971 (zitiert nach Carpenter: Biographie, Kapitel 9)

Auf ihrem Grabstein auf dem Wolvercote-Friedhof in Oxford steht: Edith Mary Tolkien – Lúthien – 1889–1971.

Quelle:
Carpenter: Biographie, Kapitel 9 „Das Ende der Reise“

Die letzten Jahre und das Vermächtnis (1972–1973)

Am 28. März 1972 wird Tolkien von Königin Elizabeth II. mit dem Commander of the Order of the British Empire (CBE) ausgezeichnet. Im selben Jahr verleiht ihm die Universität Oxford die Ehrendoktorwürde.

Tolkien kehrt nach Ediths Tod nach Bournemouth zurück, um Freunde zu besuchen. Dort erkrankt er an einem Magengeschwür. Am 2. September 1973 stirbt John Ronald Reuel Tolkien in Bournemouth. Er ist 81 Jahre alt.

Auf seinem Grabstein auf dem Wolvercote-Friedhof in Oxford steht: John Ronald Reuel Tolkien – Beren – 1892–1973. Er ruht neben Edith.

1977 erscheint posthum Das Silmarillion, herausgegeben von Christopher Tolkien. Es ist der Beginn einer jahrzehntelangen Arbeit des Sohnes, das gesamte hinterlassene Werk des Vaters zu sichten, zu ordnen und der Welt zugänglich zu machen. Die zwölfbändige History of Middle-earth (1983–1996) dokumentiert die Entstehungsgeschichte von Tolkiens Mythenwelt in bisher unerreichter Tiefe.

Der Herr der Ringe wurde in mehr als 60 Sprachen übersetzt. Tolkien gilt als einer der meistgelesenen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts und als Begründer der modernen Fantasy-Literatur – auch wenn er diese Zuordnung selbst wohl abgelehnt hätte. Er verstand sich in erster Linie als Philologe, der einer alten Geschichte eine neue Stimme gab.

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