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Die annotierte Mittelerde-Karte von J.R.R. Tolkien

Was ist diese Karte – und warum ist sie so besonders?

Im Oktober 2015 tauchte in Oxford ein Dokument auf, das Tolkien-Forscher und Fans weltweit aufhorchen ließ: eine Karte von Mittelerde, vollständig bedeckt mit handschriftlichen Notizen von J.R.R. Tolkien selbst. Es ist eines der aufschlussreichsten Arbeitsdokumente, die je aus Tolkiens Hand bekannt wurden – ein direktes Fenster in seinen Schaffensprozess.

Seit Mai 2016 befindet sich die Karte dauerhaft in der Bodleian Library der Universität Oxford – der weltgrößten Tolkien-Sammlung. Sie ist damit für die Nachwelt gesichert und der Forschung zugänglich.

Die Geschichte der Karte

Pauline Baynes – die einzige von Tolkien gebilligte Illustratorin

Um die Karte zu verstehen, muss man zuerst Pauline Baynes (1922–2008) kennen. Sie war die bedeutendste Illustratorin in Tolkiens Umfeld und die einzige Künstlerin, die Tolkien zu seinen Lebzeiten persönlich als Illustratorin seiner Werke billigte. Tolkien schätzte ihren Stil so sehr, dass er sie auch seinem Oxforder Freund und Inkling-Kollegen C.S. Lewis empfahl – woraufhin Baynes alle Narnia-Bücher von Lewis illustrierte.

In den späten 1960er-Jahren erhielt Baynes den Auftrag, für den Verlag Allen & Unwin eine großformatige Poster-Karte von Mittelerde zu gestalten. Dieser Poster sollte 1970 erscheinen und auf der im Herr der Ringe enthaltenen Faltkarte basieren – jedoch deutlich ausgearbeiteter, detailreicher und mit der Tier- und Pflanzenwelt der verschiedenen Regionen versehen.

Die Entstehung des Arbeitsdokuments

Um diese Arbeit so akkurat wie möglich zu gestalten, riss Baynes die Karte aus ihrer eigenen Ausgabe des Herrn der Ringe heraus und legte sie Tolkien vor. Tolkien – dem die korrekte Darstellung seiner Welt sehr am Herzen lag – ergänzte die Karte mit Anmerkungen:

  • Geografische Orientierungspunkte für Baynes, die das Klima verschiedener Regionen bestimmten
  • Zusätzliche Ortsnamen in elbischer Sprache, die nirgendwo in den gedruckten Büchern erscheinen
  • Angaben zu Tieren und Pflanzen für bestimmte Regionen
  • Beschreibungen der Schiffsfarben und -embleme verschiedener Völker

Das Dokument ist kein dekoratives Objekt, sondern ein echtes Arbeitsblatt: Tolkiens Anmerkungen sind in grüner Tinte und Bleistift geschrieben, Baynes‘ eigene Notizen in blauer Tinte – so lassen sich beide Hände auf der Karte klar unterscheiden.

Die fertige Poster-Karte „A Map of Middle-earth“ erschien 1970 und hing in den folgenden Jahrzehnten in unzähligen Kinderzimmern. Tolkiens Vorabnotizen auf dem Arbeitsblatt belegen, dass alle Tiere auf dem Poster – Wölfe, Pferde, Rinder, Elefanten, Kamele – von Tolkien selbst vorgeschlagen wurden und dass Baynes sie exakt an den Stellen einzeichnete, die er ihr angegeben hatte.

Der Herr der Ringe – Mittelerde-Landkarte mit Anmerkungen von J.R.R. Tolkien | Bildquelle: The Guardian | © J.R.R. Tolkien
Der Herr der Ringe – Mittelerde-Landkarte mit Anmerkungen von J.R.R. Tolkien | Bildquelle: The Guardian | © J.R.R. Tolkien

Jahrzehnte im Verborgenen

Nach der Fertigstellung des Posters behielt Baynes die annotierte Karte. Sie blieb jahrzehntelang unbeachtet in ihrem Privatbesitz – versteckt in einem Buch. Baynes starb 2008, ohne dass die Karte öffentlich bekannt geworden wäre.

Erst als Blackwell’s Rare Books in Oxford nach ihrem Tod eine große Zahl von Gegenständen aus Baynes‘ Nachlass erwarb und sichtete, fanden Mitarbeiter des Antiquariats die Karte – lose in einem Buch liegend. Im Oktober 2015 wurde sie erstmals öffentlich bekanntgegeben.

Was steht auf der Karte? Tolkiens Notizen im Detail

Die Transkription der Notizen wurde von Susan Theobald, Mitarbeiterin bei Blackwell’s Rare Books, in mühevoller Kleinarbeit erarbeitet und über die Tolkien Society veröffentlicht. Sie gibt einen faszinierenden Einblick, wie real Tolkiens Welt in seinem Kopf existierte.

Geografische Breitengrade – Mittelerde trifft die reale Welt

Tolkien verortete seine Welt explizit im realen geografischen Kontext Europas:

„Hobbingen liegt ungefähr auf dem Breitengrad von Oxford.“

Das ist keine zufällige Wahl: Oxford war Tolkiens Heimatstadt – er lebte und lehrte dort den Großteil seines Lebens.

Minas Tirith liegt auf dem Breitengrad von Ravenna – aber 900 Meilen östlich von Hobbingen, näher bei Belgrad.“

„Der untere Rand der Karte (1.400 Meilen) entspricht ungefähr dem Breitengrad von Jerusalem.“

Diese geografischen Entsprechungen dienten Baynes als Klimahinweise: Sie konnte daraus ableiten, welche Vegetation, welche Tierwelt und welche Witterungsbedingungen sie für die jeweiligen Regionen darstellen sollte.

Unbekannte Ortsnamen in elbischer Sprache

Tolkien trug zahlreiche Ortsnamen auf der Karte ein, die in keiner der gedruckten Ausgaben erscheinen. Da viele in Sindarin verfasst sind, übersetzte er einige für Baynes:

„Eryn Vorn [= Schwarzwald] – eine Waldregion mit dunklen Bäumen [Kiefer?]“

Eine besonders aufschlussreiche Entdeckung: Der Name „Dorwinion“ – ein Weinanbaugebiet am Langen See, im Hobbit nur kurz erwähnt – war auf der Karte ursprünglich als „Mildor“ eingetragen. Tolkien strich den Namen durch und ersetzte ihn durch „Dorwinion“. Beide Namen entstammen dem Sindarin und enthalten das Wort dor (= Land). Dies zeigt, dass Tolkien selbst im Jahr 1969 noch Namensänderungen an seiner Welt vornahm.

Tiere und ihre genauen Standorte

Tolkien gab genaue Anweisungen, wo Baynes welche Tiere einzuzeichnen hatte:

„Elefanten erscheinen in der großen Schlacht vor Minas Tirith (wie einst in Italien unter Pyrrhus) – aber sie wären auch in den leeren Feldern von Harad angemessen; ebenso Kamele.“

Der Vergleich mit dem Feldzug des Pyrrhus von Epirus (der im 3. Jahrhundert v. Chr. Kriegselefanten nach Italien brachte) zeigt, wie sehr Tolkien beim Entwurf seiner Welt in realen historischen Parallelen dachte.

Schiffsfarben und Heraldik der Völker

Tolkien legte fest, wie die Schiffe der verschiedenen Völker aussehen sollten:

Elbenschiffe: klein, weiß oder grau.“ „Númenoreaner (Gondor): schwarze und silberne Schiffe.“ „Die Korsaren hatten rote Segel mit einem schwarzen Stern oder Auge.“

Diese Angaben gehen weit über das hinaus, was in den Büchern beschrieben wird – sie zeigen, dass Tolkiens Welt in seinem Kopf visuell deutlich weiter ausgearbeitet war, als er je zu Papier brachte.

Der Weg in die Bodleian Library

Blackwell’s, Oktober 2015: Erstmals öffentlich

Als Blackwell’s Rare Books die Karte im Oktober 2015 entdeckte, stellte das Antiquariat sie sofort in seiner Filiale in Oxford aus und bot sie zum Verkauf an – zum Ausgangsgebot von 60.000 Pfund (damals ca. 84.000 Euro). Blackwell’s nannte die Karte:

„Ein wichtiges Dokument – und vielleicht das bedeutendste Tolkien-Stück, das in den vergangenen 20 Jahren aufgetaucht ist.“

Die Bodleian Library erwirbt die Karte, Mai 2016

Die Bodleian Library der Universität Oxford – Heimat der weltweit größten Tolkien-Sammlung, die seit 1979 Tolkiens Manuskripte und Zeichnungen verwahrt – erwarb die Karte im Mai 2016. Die Finanzierung erfolgte mit Unterstützung des Victoria & Albert Purchase Grant Fund und der Friends of the Bodleian.

Chris Fletcher, Keeper of Special Collections an der Bodleian, kommentierte den Erwerb:

„Die Erschaffung von Karten war zentral für Tolkiens Erzählweise, und diese besondere Karte gewährt einen Einblick in den kreativen Prozess, der einige der ersten Bilder von Mittelerde hervorbrachte, die uns heute so vertraut sind. Wir freuen uns sehr, diese Karte erwerben zu konnten – und es ist besonders passend, dass wir sie in Oxford halten. Tolkien verbrachte nahezu sein gesamtes Erwachsenenleben in dieser Stadt und dachte offensichtlich an ihre geografische Bedeutung, während er Teile der Karte entwarf. Es wäre enttäuschend gewesen, wenn sie in eine Privatsammlung verschwunden oder ins Ausland gegangen wäre.“

Die annotierte Karte ergänzt nun die bestehende Baynes-Sammlung der Bodleian, zu der bereits die Vorlagenzeichnung (paste-up) und das originale Aquarell ihres Poster-Entwurfs gehören.

Erstmals öffentlich ausgestellt, Juni 2016

Am 23. Juni 2016 wurde die Karte erstmals der Öffentlichkeit in der Weston Library der Bodleian in Oxford präsentiert. Die Resonanz war so groß, dass die Ausstellung um einen weiteren Tag verlängert wurde – bis zum 24. Juni 2016. Der Eintritt war frei.

Einordnung und Bedeutung

Die annotierte Baynes-Karte ist aus mehreren Gründen ein außergewöhnliches Dokument:

Als Zeitzeugnis: Sie entstand 1969 – kurz vor Tolkiens Tod 1973 – und gibt damit einen Einblick in sein Mittelerde-Bild in seinen letzten Lebensjahren.

Als Forschungsquelle: Die zahlreichen Ortsnamen, die nirgendwo gedruckt erscheinen, und die Namensänderung von „Mildor“ zu „Dorwinion“ sind für die Tolkien-Forschung direkte Primärquellen.

Als Spiegel seiner Methode: Tolkiens geografische Verortung von Mittelerde im realen Europa (Oxford = Hobbingen, Ravenna = Minas Tirith, Jerusalem als südlicher Rand) bestätigt, was er in seinen Briefen und Vorträgen beschrieb: Mittelerde ist keine fremde Welt, sondern eine mythologisierte Version unserer eigenen Erde in einer erdachten Vorzeit.

Als Denkmal einer Zusammenarbeit: Die Karte zeigt in zwei Tintenfarben eine Zusammenarbeit, die über das Professionelle hinausging. Pauline Baynes war Tolkiens meistgeschätzte Illustratorin – die Einzige, der er die Visualisierung seiner Welt zu Lebzeiten anvertraute.

Quellen:
The Tolkien Society (tolkiensociety.org) · The Guardian · BBC News · Bodleian Libraries, University of Oxford · Fine Books & Collections · Exeter College, University of Oxford Bildrechte Karte: © The Tolkien Estate Limited

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