Kein äußeres Ereignis hat J.R.R. Tolkiens Werk so grundlegend geprägt wie der Erste Weltkrieg. In den Schützengräben der Somme verlor er fast alle seine engsten Freunde, erkrankte fast tödlich – und begann in der langen Genesungszeit die ersten Geschichten zu schreiben, die zum Silmarillion und schließlich zum Herrn der Ringe wurden. Mittelerde ist nicht trotz des Krieges entstanden, sondern wegen ihm.
Tolkiens Militärdienst: Die Fakten
| Datum | Ereignis |
|---|---|
| Juli 1915 | Tolkien tritt dem Lancashire Fusiliers-Regiment bei |
| 22. März 1916 | Hochzeit mit Edith Bratt, kurz vor dem Abmarsch zur Somme |
| Juni 1916 | Abfahrt nach Frankreich |
| 1. Juli 1916 | Beginn der Schlachst an der Somme – verlustreichster Tag der britischen Militärgeschichte |
| Oktober 1916 | Tolkien erkrankt an Grabenfieber; Evakuierung nach England |
| 1916–1917 | Lange Genesungszeit; Tolkien beginnt mit dem Schreiben der ersten Mittelerde-Geschichten |
| November 1918 | Ende des Krieges; Tolkien kehrt nach Oxford zurück |
Der TCBS – Die Freunde, die er verlor
Tolkien gehörte einem Freundeskreis an, den er als TCBS kannte – Tea Club and Barrovian Society, gegründet an der King Edward’s School in Birmingham. Der Kern bestand aus vier Männern, die sich als lebenslange Freunde und künftige Schöpfer von Großem sahen:
- J.R.R. Tolkien – der Schriftsteller
- Christopher Wiseman – Musiker
- Rob Gilson – Künstler
- Geoffrey Bache Smith – Dichter
Am ersten Tag der Somme-Schlachst, dem 1. Juli 1916, starb Rob Gilson. Er leitete seinen Zug über Niemandsland und wurde von Maschinengewehrfeuer getötet. Er war 22 Jahre alt.
Geoffrey Bache Smith starb im Dezember 1916 an Gasbrand nach einer Verwundung. Kurz vor seinem Tod schrieb er Tolkien:
„Mach unsere Sache bekannt, wenn ich es nicht kann.“
Geoffrey Bache Smith in einem Brief an Tolkien, Dezember 1916
Diese Worte blieben Tolkien ein Leben lang.
Das Grabenfieber und die Schreibstunde
Tolkien erkrankte im Oktober 1916 am Grabenfieber (Trench Fever) – eine durch Läuse übertragene bakterielle Infektion, die mit hohem Fieber, Erschöpfung und Schmerzen einherging. Er wurde nach England evakuiert und verbrachte Monate in Krankenhäusern und Rekonvaleszenz-Unterkünften.
Diese Zeit – zwischen Krankheit und Genesung, mit Edith an seiner Seite – war paradoxerweise die produktivste seines Lebens. Er schrieb in dieser Periode die ersten großen Geschichten Mittelerdes:
- Die Geschichte von Tinúviel (Lúthien Tinúviel) – die romantischste Geschichte des Legendarium
- Die Geschichte von Turambar und dem Foalókë – Ursprung der Túrin-Erzählung
- Die Reise nach den Zwergeninseln – früher Entwurf kosmischer Mythen
Diese Geschichten bildeten den Kern dessen, was er Das Buch der Verschollenen Geschichten nannte – und was nach seinem Tod als Das Silmarillion erschien.
Was der Krieg in sein Werk einschrieb
Das Grauen des modernen Krieges
Die Erfahrung der industriellen Kriegsführung – Maschinengewehre, Artillerie, Gas, das sinnlose Sterben im Schlamm – ist in Tolkiens Werk als Trauma spürbar, auch wenn er es nie direkt abbildete. Die Totenanger (Dead Marshes), durch die Frodo und Sam nach Mordor wandern, gelten als literarische Verarbeitung der Schlachsfelder der Somme:
In den Tümpeln schwammen bleiche Gesichter, und die Lichter tanzten darunter. Es waren Gesichter von Gefallenen – Elben, Menschen, Orks – alle verwittert, alle im Wasser.
Der Herr der Ringe, Die Zwei Türme, Buch IV, Kap. 2
Tolkien bestätigte diesen Zusammenhang nie explizit – aber die Beschreibung der Totenanger entspricht den Schlachsfeldern, in denen Gefallene im Schlamm und in Granatlöchern lagen und die Überlebenden gezwungen waren, über sie hinwegzusteigen.
Kameradschaft als moralisches Fundament
Das Wichtigste, was Tolkien aus dem Krieg mitnahm, war nicht das Grauen – sondern die Erkenntnis, dass gewöhnliche Menschen in außergewöhnlichen Situationen zu außergewöhnlicher Treue fähig sind. Tolkiens Batmannen (Burschen – persönliche Diener für Offiziere) waren einfache Männer, die er zutiefst respektierte.
Dieses Bild ist direkt in Sam Gamdschie eingegangen. In einem Brief schrieb Tolkien:
„Sam Gamdschie ist natürlich ein Hobbit. Aber ich glaube, der Hintergrund meiner Gedanken über ihn war das Bild der Burschen, die ich im Krieg beobachtete: die Treue der einfachen Männer gegenüber ihren Herren.“
Tolkien, Briefe, Brief Nr. 180
Der Tod guter Menschen als Kernthema
Der Verlust von Gilson und Smith, das Überleben als Zufall – das hinterließ in Tolkien die tiefe Überzeugung, dass der Tod das zentrale menschliche Problem ist. Im Herrn der Ringe ist der Tod kein Feind, den man besiegen muss, sondern eine Gabe, die man annehmen muss. Die Männer und Frauen, die am Ende sterben – Théoden, Boromir, Halbarad, all die Gefallenen der Pelennor-Felder –, sterben nicht sinnlos, sondern im Dienst von etwas Größerem.
Die Industrie als Böses
Tolkien hasste die Industrialisierung. Er wuchs in Sarehole auf – einem ländlichen Dorf, das er liebte – und erlebte, wie die industrielle Welt es verwüstete. Der Krieg hatte die Industrie ins Grauenhafteste gesteigert: Bomben, Giftgas, Maschinengewehre.
Sarumans Isengart – mit seinen Öfen, Fabriken und gefällten Bäumen – ist die literarische Antwort auf die industrialisierte Vernichtung, die Tolkien an der Somme erlebt hatte.
Tolkien über den Krieg: Eigene Worte
Tolkien war zurückhaltend damit, direkte Parallelen zu ziehen. In einem Brief von 1960 schrieb er:
„Der Krieg des Ringes ist keine Allegorie auf den Zweiten Weltkrieg und den Ersten auch nicht. Aber der Erste Weltkrieg hat meine Mythologie grundlegend beeinflusst, obwohl ich das erst nachträglich erkannte.“
Tolkien, Briefe, Nr. 203
Und an anderer Stelle:
„Zu sagen, dass ich durch den Krieg völlig unberührt geblieben bin, wäre eine Lüge. Aber mein Ziel war nie, den Krieg zu beschreiben. Mein Ziel war, eine Mythologie zu schaffen.“
Erinnerung und Dankbarkeit: Tolkien und die Gefallenen
Nach dem Krieg sprach Tolkien selten direkt über seine Erfahrungen. Aber er hielt die Erinnerung an Gilson und Smith lebendig. Er widmete das Silmarillion nie direkt dem TCBS – aber der Geist ihrer gemeinsamen Ambitionen durchdringt das Werk.
Der Tolkien-Forscher John Garth hat in Tolkien und der Große Krieg (2003) nachgewiesen, wie direkt und umfassend der Erste Weltkrieg Tolkiens Mythologie beeinflusste – von den ersten Geschichten 1916 bis zu den reifen Werken des späten Lebens.
Weiterführende Seiten
- J.R.R. Tolkien – Biographie, Werke und Leben
- Inhaltsangabe – Das Silmarillion
- Samweis Gamdschie – Frodos treuer Freund und Begleiter
- Lúthien Tinúviel – schönste Elbin im Silmarillion
FAQ: Häufige Fragen zu Tolkien und dem Ersten Weltkrieg
Hat der Erste Weltkrieg Tolkiens Werk beeinflusst?
Ja – grundlegend. Tolkien diente 1916 an der Somme, verlor fast alle seine engsten Freunde und erkrankte an Grabenfieber. In der Genesungszeit schrieb er die ersten Mittelerde-Geschichten. Die Erfahrungen des Krieges – Kameradschaft, sinnloses Sterben, industrielle Vernichtung – sind tief in sein Werk eingeschrieben.
Wann begann Tolkien mit dem Schreiben von Mittelerde?
Tolkien schrieb die ersten Mittelerde-Geschichten 1916–1917, während er nach seinem Grabenfieber in England genenas. Die Geschichte von Lúthien Tinúviel und die ersten Mythen des Silmarillion entstanden in dieser Zeit. Er arbeitete bis zu seinem Tod 1973 daran weiter.
Sind die Totenanger eine Anspielung auf den Ersten Weltkrieg?
Tolkien bestätigte das nie explizit, aber die Beschreibung der Totenanger – mit den bleichen Gesichtern von Gefallenen im Schlamm, die die Lebenden nicht berühren dürfen – entspricht sehr genau den Schlachtfeldern der Somme, wo Gefallene wochenlang im Niemandsland lagen. Tolkien-Forscher sehen die Totenanger weitgehend als literarische Verarbeitung dieser Erfahrung.
Wer waren Tolkiens Freunde, die im Krieg starben?
Rob Gilson starb am 1. Juli 1916 – dem ersten Tag der Somme. Geoffrey Bache Smith starb im Dezember 1916 an Gasbrand. Beide gehörten mit Tolkien dem TCBS (Tea Club and Barrovian Society) an – einem engen Freundeskreis aus Schulzeiten, der sich als künftige Schöpfer von Großem sah.
Quellen
- Tolkien, J.R.R.: Briefe – Brief Nr. 180, 203
- Garth, John: Tolkien und der Große Krieg – Der Ursprung von Mittelerde (dt. Klett-Cotta 2004)
- Carpenter, Humphrey: J.R.R. Tolkien: Eine Biographie (dt. Klett-Cotta 2001)
- Tolkien, J.R.R.: Das Buch der Verschollenen Geschichten (Teil I und II), hrsg. von Christopher Tolkien