1. Was bewog Tolkien sein Leben lang dazu, diese Welt zu erschaffen?
Tolkien schuf in seinem Fantasyepos eine große, sehr komplexe Welt, die an Ideenreichtum und Vielfalt kaum zu überbieten ist. Nicht umsonst ist Der Herr der Ringe das meistverkaufte Buch nach der Bibel und zieht Millionen von Lesern auf der ganzen Welt in ihren Bann.
Wie kann sich ein Mensch nur so eine Welt ausdenken, von der Schöpfung der Welt über die Geschichte einzelner Völker bis hin zu großen Kriegen und Schlachten, das Herauskristallisieren von Helden, u. v. m.?
Tolkien wurde in seinem Leben von vielen Faktoren berührt, die – sei es nun bewusst oder unbewusst – mit in seinen Mythos Mittelerde eingeflossen sind. Die meisten Fantasygeschichten haben keine Wurzeln in unserer Wirklichkeit. Tolkiens Welt dagegen beruht in Teilen auf Fakten.
2. Die Anfänge – Sarehole und das Auenland
Die Anfänge der Idee von seiner Welt liegen in Sarehole, einem kleinen, ländlichen Dorf in der Nähe von Birmingham. Im Alter von vier Jahren zog Tolkien 1896 mit seiner Mutter und seinem Bruder Hilary dorthin; er lebte dort bis 1900, als die Familie wieder nach Birmingham zurückkehrte. Die friedliche Landschaft dieses abgeschiedenen Dorfes prägte den jungen Tolkien tief.
Die Landschaft um Sarehole inspirierte ihn bei der Gestaltung von Hobbingen und dem ganzen Auenland. Die Hobbits, ein einfaches, agrikulturell orientiertes Volk, erinnern in ihrer Mentalität und Lebensweise sehr stark an die damalige Bevölkerung Sareholes. Sie sind Landmenschen, Bauern, und ihnen ist es nicht wichtig, was anderswo in der Welt passiert. Sie sind ein genügsames und geselliges Volk, das gutes Essen und große Feiern liebt. Tolkien selbst beschrieb diese Verbindung denkbar direkt – in einem Brief schrieb er über sich selbst:
„Ich bin in der Tat ein Hobbit – in allem außer der Körpergröße. Ich liebe Gärten, Bäume und unmechanisierte Äcker; ich rauche eine Pfeife und mag gutes, einfaches Essen; ich trage gerne bunte Westen. Ich bin ein Freund von Pilzen aus dem Feld und gehe spät ins Bett.“
— J.R.R. Tolkien, Brief Nr. 213; Originaltext: „I am in fact a Hobbit (in all but size).“)
Quellen:
Carpenter, Humphrey: J.R.R. Tolkien. Eine Biographie (1977), Kapitel 1; Tolkien, J.R.R.: Briefe, hrsg. von Humphrey Carpenter (1981), Brief Nr. 213
3. Die Industrialisierung
Mordor und Isengart
Doch diese Idylle hielt nicht für immer in Tolkiens Leben. Er wurde im Zeitalter der Industrialisierung groß und erlebte, wie sich Fabriken, Eisenbahnen und Kraftwerke immer weiter von Birmingham in die umliegenden Gebiete ausbreiteten und das Land mit Lärm und Ruß überzogen. Seine geliebte Natur musste dem Fortschritt weichen.
Tolkien war sehr traurig über diese Entwicklung. Die Kontraste zwischen der ländlichen und der von der Industrie dominierten Welt erscheinen unmittelbar in seiner erdachten Welt: Die heile Welt des Auenlandes wird von den bösen Mächten angegriffen. Sarumans Isengart ist das expliziteste Bild der Industrialisierung in Der Herr der Ringe. Baumbart – der älteste der Ents – beschreibt Saruman in Buch III, Kapitel 4 so:
„Er hat einen Sinn für Metall und Räder; und er kümmert sich nicht ums Wachsende, außer soweit es ihm gerade nützt.“
— *Der Herr der Ringe*, Buch III, Kapitel 4 „Baumbart (Originaltext: „He has a mind of metal and wheels; and he does not care for growing things, except as far as they serve him for the moment.“)
Quellen:
Der Herr der Ringe, Buch III, Kapitel 4 „Baumbart“ und Kapitel 9 „Trümmer von Isengart“; Carpenter: Biographie, Kapitel 1
4. Der frühe Tod von Tolkiens Mutter Mabel
Das Waisenthema in Mittelerde
Tolkiens Mutter Mabel starb 1904 an Diabetes, als Tolkien zwölf Jahre alt war. Seinen Vater Arthur hatte er bereits 1896 verloren. Tolkien und sein jüngerer Bruder Hilary wurden Vollwaisen unter der Obhut ihres Vormunds Pater Francis Morgan.
Das Thema des früh verwaisten Kindes, das durch fremde Fürsorge aufwächst, durchzieht Tolkiens gesamtes Werk.
- Frodo verliert seine Eltern durch einen Bootsunfall und wächst bei seinem Onkel Bilbo auf (Der Herr der Ringe, Prolog).
- Aragorn verliert seinen Vater früh und wird von Elrond in Bruchtal erzogen, ohne zunächst seine wahre Herkunft zu kennen. Tolkien beschreibt in Der Herr der Ringe (Appendix A) Aragorns Situation so:
„Elrond nannte ihn Estel, das heißt ‚Hoffnung‘, und verbarg dessen wahren Namen und Herkunft, denn Elrond wusste, dass die Zeit der Enthüllung noch nicht gekommen war.“
— *Der Herr der Ringe*, Appendix A: „Die Geschichte von Aragorn und Arwen“ (sinngemäß nach dem deutschen Text; die genaue Formulierung variiert je nach Ausgabe)
Immer wieder kehrt dabei die Figur des weisen Mentors zurück, der dem Waisenkind Heimat und Identität gibt: Bilbo für Frodo, Elrond für Aragorn, Gandalf als väterlicher Begleiter auf dem Weg.
Quellen:
Carpenter: Biographie, Kapitel 2 „Die Wurzeln der Berge“; Der Herr der Ringe, Prolog sowie Appendix A
5. Die Liebe zur walisischen Sprache
Die Geburt des Sindarin
Tolkiens Faszination für das Walisische begann bereits in seiner Kindheit. Als Junge in Birmingham sah er auf Kohlewaggons walisische Aufschriften und war von ihrer Klanggestalt sofort gebannt. In seinem Vortrag „English and Welsh“ (1955) beschrieb er dieses Erlebnis so:
„Most English-speaking people […] will admit that cellar door is ‚beautiful‘, especially if dissociated from its sense (and from its spelling). More beautiful than, say, sky, and far more beautiful than beautiful. Well then, in Welsh for me cellar doors are extraordinarily common.“
— J.R.R. Tolkien, „English and Welsh“ (1955), in: *The Monsters and the Critics and Other Essays* (1983)
Mit diesem Zitat beschreibt Tolkien, wie ihn die Klanggestalt von Wörtern unabhängig von ihrer Bedeutung faszinierte – und wie das Walisische für ihn voll solcher Klänge war. Diese Faszination floss direkt in die Konstruktion von Sindarin ein, der zur alltäglichen Kommunikation genutzten Elbensprache. Die charakteristischen Konsonantenmutationen, die melodische Klangfarbe und die Grammatikstruktur des Sindarin sind unmittelbar vom Walisischen abgeleitet.
Quenya hingegen, die ältere und zeremoniellere Elbensprache, orientiert sich am Finnischen. Die beiden großen Elbensprachen entsprechen damit Tolkiens zwei größten Sprachlieben.
Quellen:
Tolkien, J.R.R.: „English and Welsh“ (1955), in: The Monsters and the Critics and Other Essays, hrsg. von Christopher Tolkien (1983); Der Herr der Ringe, Appendix F
6. Angeln und Sachsen
Die Rohirrim und das verlorene englische Epos
Tolkien sagte: „Ich habe Mittelerde nicht erfunden, sondern wieder entdeckt!“ – denn er ließ sich u. a. inspirieren von der Geschichte und den Sprachen der Angelsachsen, der Wurzel der anglikanischen Sprachen, aus der sich später auch das Englische entwickelte.
Die Angeln und Sachsen kamen im fünften und sechsten Jahrhundert mit ihren Schiffen nach England, wurden sesshaft und entwickelten ihre eigene Kultur. Da der Großteil des Volkes weder lesen noch schreiben konnte, wurden Geschichten und Heldentaten als Lieder gesungen und mündlich weitergegeben. Im elften Jahrhundert eroberten die Normannen die Insel; die erzählerische Tradition der Angelsachsen verschwand und die Mythen und Sagen aus dieser Zeit gingen verloren.
Tolkien empfand diesen Verlust als Zerstörung der Wurzeln des englischen Volkes. In Brief Nr. 131 beschreibt er sein Ziel:
„Ich hatte den Sinn, einen Kosmos aus mehr oder weniger verbundenen Legenden zu schaffen […], den ich einfach widmen könnte: England, meinem Land. […] Er sollte einen Ton und eine Qualität besitzen, die ich mir wünschte […] und während er die schöne, flüchtige Schönheit besitzen sollte, die manche keltisch nennen, sollte er hoch sein, gereinigt vom Groben, und geeignet für den reiferen Geist eines Landes, das lange von Dichtung durchdrungen ist.“
— J.R.R. Tolkien, Brief Nr. 131 an Milton Waldman (ca. 1951); (sinngemäß übersetzt)
Die Rohirrim in Der Herr der Ringe spiegeln die Angelsachsen unmittelbar wider: Sie sind ein Reitervolk mit einer mündlichen Erzähltradition. Ihre Sprache ist bei Tolkien bewusst als Altenglisch gestaltet, und ihre Namen – Éomer, Éowyn, Théoden – entstammen direkt dem altenglischen Wortschatz.
Quellen:
Tolkien, J.R.R.: Briefe, Brief Nr. 131; Der Herr der Ringe, Appendix F „Über die Übersetzung dieses Buches“
7. Beowulf
Drachenkampf und Seebestattung
Eine der wichtigsten Quellen bei der Erschaffung seiner Welt war das Gedicht Beowulf, eine alte angelsächsische Heldensage. Sie handelt von einem nordischen König, der stirbt, als er gegen einen Drachen kämpft – zuvor hatte noch kein anderer versucht, gegen diesen Drachen zu kämpfen.
Eine wunderbar ausgeschmückte Szene in dem Gedicht ist die Beschreibung der Seebestattung des gefallenen Königs.
Eine vergleichbare Parallele findet man in Der Herr der Ringe (Buch III, Kapitel 1: „Der Abschied von Boromir“), als der gefallene Boromir durch eine Seebestattung in die Welt der Toten einfährt.
Tolkien war nicht nur als Leser, sondern als Wissenschaftler tief in diesem Stoff verwurzelt. 1936 veröffentlichte er seinen wegweisenden Aufsatz „Beowulf: The Monsters and the Critics“, in dem er das Gedicht literaturwissenschaftlich rehabilitierte. Er schrieb darin über das Besondere des Textes:
„Der Dichter war von der Tragik und dem Pathos des menschlichen Lebens gegen eine feindliche Welt tief bewegt, und von dem unvermeidlichen, vorbestimmten Untergang eines tapferen Mannes und aller Dinge seiner Welt.“
— J.R.R. Tolkien, „Beowulf: The Monsters and the Critics“ (1936); (sinngemäß übersetzt)
Quellen:
Tolkien, J.R.R.: „Beowulf: The Monsters and the Critics“ (1936), in: The Monsters and the Critics and Other Essays (1983); Der Herr der Ringe, Buch III, Kapitel 1
8. Das Kalevala
Quenya und Gandalf
Den ohne Zweifel größten Part in Tolkiens Welt spielt das Volk der Elben. Tolkien erschuf sogar ganze Elbensprachen mit anwendbarer Grammatik, Aussprache und eigenen Schriften. Eine der Hauptinspirationsquellen für sein Elbisch war das finnische Nationalepos Kalevala, das auf einer Sprache aus Karelien, einer abgeschiedenen Region zwischen Finnland und Russland, beruht.
Tolkien begeisterte sich schon in seiner Jugend für das Kalevala und lernte autodidaktisch Finnisch, um das Werk im Original lesen zu können. Carpenter beschreibt in seiner Biographie, wie Tolkien als Student das Kalevala verschlang und sofort begann, eine ihm eigene Sprache nach finnischem Vorbild zu entwickeln – aus der später Quenya wurde. Tolkien selbst schrieb in Brief Nr. 163:
„Das Finnische hat mich immer in einem mysteriösen Sinne berührt, so als wäre es die unmittelbare Erfahrung einer Kunst, die ich nicht selbst vollbringen konnte.“
— J.R.R. Tolkien, Brief Nr. 163 (sinngemäß übersetzt)

Neben der Sprache fand Tolkien im Kalevala auch Anregungen für seine Charaktere: Der Held des Kalevala ist ein alter Zauberer namens Väinämöinen, ein weiser Schamane, der seinem Volk ein besseres Leben ermöglichen wollte. Aus dieser Figur entwickelte Tolkien Gandalf, den Zauberer.
Gandalfs Aussehen allerdings hat einen anderen Ursprung: Bevor Tolkien 1911 in Oxford das Studium der englischen Literatur und Sprache aufnahm, unternahm eine Reise in die Schweiz. Als bedeutungsvoll sollte sich der Kauf einer Ansichtskarte erweisen, die die Reproduktion des Bildes „Der Berggeist“ (entstanden zw. 1925 und 1930) des deutschen Malers Josef Madlener darstellte. Das Bild zeigte einen alten Mann mit langem weißem Bart, der einen runden, breitkrempigen Hut und einen langen Mantel trägt (siehe Illustration rechts). Tolkien versah die Postkarte später mit dem Hinweis „Gandalfs Ursprung„.
Der zentrale Gegenstand des Kalevala – das Sampo, ein magisches Objekt, das Macht und Reichtum verleiht, aber am Ende verloren gehen muss – wird in der Tolkien-Forschung häufig als Vorläufer des Einen Rings genannt; ob Tolkien diese Parallele selbst bewusst zog, hat er nicht ausdrücklich festgehalten.
Quellen:
Carpenter: Biographie, Kapitel 2 und Kapitel 4; Tolkien, J.R.R.: Briefe, Brief Nr. 163
9. Die Ältere Edda und nordische Mythologie
Zwergennamen und das Konzept der Courage
Die Namen nahezu aller Zwerge im Hobbit – Thorin Eichenschild, Fíli, Kíli, Dwalin, Balin, Bifur, Bofur, Bombur, Óin, Glóin, Dori, Nori, Ori – sowie der Name Gandalf selbst stammen wörtlich aus dem Dvergatal, dem Zwergen-Verzeichnis der Völuspá aus der Älteren Edda. Als Professor für Altenglisch und später für Englische Sprache und Literatur in Oxford kannte Tolkien diese Quelle in- und auswendig.
Darüber hinaus prägte das zentrale Konzept der nordischen Göttersagen Tolkiens Weltbild tief: die Idee, dass die nordischen Götter beim Ragnarök ihren Untergang vorauswissen – und dennoch kämpfen. In seinem Aufsatz „Beowulf: The Monsters and the Critics“ (1936) beschrieb Tolkien diese Haltung als den bedeutendsten Beitrag der nordischen Mythologie:
„Es war die Stärke der nordisch-mythologischen Vorstellungskraft, dass sie dieses Problem erkannte, die Monster in den Mittelpunkt stellte, ihnen den Sieg gewährte, aber keine Ehre – und diese ‚Theorie des Mutes‘ als den Namen ihres großen Beitrags zur Dichtung fand.“
— J.R.R. Tolkien, „Beowulf: The Monsters and the Critics“ (1936); (sinngemäß übersetzt)
Diese Haltung – der Mut, das Unvermeidliche anzunehmen und trotzdem zu handeln, ohne auf Erlösung zu hoffen – durchzieht das gesamte Legendarium. Die Elben wissen, dass ihre Zeit in Mittelerde endet, und ziehen sich gleichwohl nicht ins Nichts zurück; sie kämpfen und erschaffen, im Wissen um den Verlust.
Quellen:
Die Ältere Edda, Völuspá, Dvergatal; Tolkien, J.R.R.: „Beowulf: The Monsters and the Critics“ (1936), in: The Monsters and the Critics and Other Essays (1983)
10. Der Tea Club and Barrovian Society (TCBS)
Die Gefährten im wirklichen Leben
An der King Edward’s School in Birmingham schloss Tolkien sich mit drei engen Freunden zusammen: Rob Gilson, Geoffrey Bache Smith und Christopher Wiseman. Sie nannten sich scherzhaft den „Tea Club and Barrovian Society“ (TCBS) – benannt nach ihrer Gewohnheit, sich heimlich in der Schulteeküche und in der nahegelegenen Barrow’s Stores-Teestube zu treffen, um Literatur, Philosophie und eigene Schöpfungen zu diskutieren.
Als alle vier im Ersten Weltkrieg an die Front mussten, zerbrach dieser Kreis: Rob Gilson fiel am ersten Tag der Somme-Offensive, dem 1. Juli 1916. Geoffrey Smith starb wenige Monate später an einer Wundvergiftung. Kurz vor seinem Tod schrieb Smith an Tolkien – Carpenter zitiert diesen Brief in seiner Biographie:
„Gott segne dich, mein Lieber Tolkien; mögest du sagen, was ich nicht sagen kann; möge das, was wir sagen wollen, gesagt werden.“
— Geoffrey Bache Smith, Brief an J.R.R. Tolkien (Dezember 1916); zitiert nach: Carpenter, *Biographie*, Kapitel 5
Diese erfahrene Tiefe der Freundschaft, die durch Krieg und Tod auf die Probe gestellt wird, bildet die emotionale Grundlage der Gemeinschaft des Rings. Die Gefährten – Menschen verschiedener Völker und Herkunft, zusammengeführt durch ein gemeinsames Ziel, das keiner von ihnen allein tragen kann – spiegeln wider, was Tolkien mit seinen TCBS-Freunden erlebt hatte.
Quellen:
Carpenter: Biographie, Kapitel 3 „Freundschaft“ und Kapitel 5 „Krieg“; Tolkien: Briefe, Brief Nr. 5 (an G.B. Smith, November 1914) und Brief Nr. 66
11. Edith Bratt
Das Vorbild für Lúthien Tinúviel und Arwen
Der wohl persönlichste Anknüpfungspunkt in Tolkiens Werk liegt in seiner großen Liebe. Als junger Mann verliebte sich Tolkien in Edith Bratt, doch sein Vormund Pater Francis Morgan untersagte ihm jeden Kontakt mit ihr, bis er sein einundzwanzigstes Lebensjahr vollendet haben würde. Tolkien hielt sich strikt daran.
An seinem 21. Geburtstag, dem 3. Januar 1913, schrieb er ihr. Sie heirateten 1916, kurz vor seinem Abmarsch an die Somme.
Diese Liebesgeschichte ist das direkte menschliche Vorbild für Beren und Lúthien im Silmarillion (Kapitel 19: „Von Beren und Lúthien“): Ein sterblicher Mensch verliebt sich in eine unsterbliche Elbin, deren Vater Thingol diese Verbindung für unmöglich hält und Beren eine scheinbar tödliche Aufgabe stellt. Das Silmarillion beschreibt das erste Aufeinandertreffen der beiden so:
„Und in jenem Augenblick, als Beren über die Lichtung spähte, sah er Lúthien, die Tochter Thingols und Melians, tanzen auf dem unvergänglichen Gras der Lichtung Neldoreth. Er rief sie mit einem Namen, den er erdachte, Tinúviel, was in der Elbensprache Nachtigall bedeutet.“
— *Das Silmarillion*, Kapitel 19 „Von Beren und Lúthien“ (sinngemäß nach der deutschen Ausgabe)
Nach Ediths Tod schrieb Tolkien an seinen Sohn Christopher einen Brief, der seine Überzeugung von der untrennbaren Verbindung zwischen seiner Liebe und seiner Dichtung auf das Klarste ausdrückt:
„Sie war – und wusste es – meine Lúthien.“
— J.R.R. Tolkien, Brief an Christopher Tolkien nach Ediths Tod (November 1971); zitiert nach: Carpenter, *Biographie*, Kapitel 6
Tolkien bestätigte diesen Zusammenhang auf die denkbar persönlichste Weise: Er verfügte, dass auf seinem und Ediths Grabstein die Namen „Beren“ und „Lúthien“ eingraviert werden – was nach beider Tod auch geschah.
Im Herrn der Ringe greift die Geschichte von Aragorn und Arwen (Appendix A) dieses Grundmuster erneut auf.
Quellen:
Carpenter: Biographie, Kapitel 3 und Kapitel 6; Das Silmarillion, Kapitel 19 „Von Beren und Lúthien“; Der Herr der Ringe, Appendix A, Abschnitt „Die Geschichte von Aragorn und Arwen“
12. Der Erste Weltkrieg
Gefährten im Schützengraben
Die Zeit des Ersten Weltkriegs ab 1914 beeinflusste Tolkiens Geschichte tief. Im Juni 1916 wurden Tolkien (als Meldeoffizier) und die meisten seiner Studienkameraden an die Front an der Somme geschickt. Er erlebte dort die grauenhafte Realität des Schlachtfeldes. In dieser schrecklichen Zeit voller Angst und Tod schrieb Tolkien mit Bleistift die ersten Zeilen seiner Geschichte von Mittelerde in sein Notizbuch, das er bei sich trug.
Die stark klassenorientierte Hierarchie der englischen Truppen war an der Front fast aufgehoben. Offiziere kamen von der Universität, wie Tolkien selbst; die ungebildeten Männer, etwa Bergarbeiter und Weber, bildeten die Infanterie.
In Der Herr der Ringe gibt es ebenfalls eine deutlich erkennbare Verschmelzung der Standesunterschiede: Frodo, ein gebildeter, mittelständischer Hobbit, und sein Gärtner und Diener Sam ziehen gemeinsam los. Sam spricht in Buch IV, Kapitel 8 die Empfindung aus, die diese Verbindung trägt:
„Ich dachte, die großen Geschichten können nie enden. […] Aber am Ende sind die Menschen dabei, die drin stecken, und die wissen nicht, ob sie enden werden. Und das ist es, was ich meine – wir sind in einer Geschichte, Herr Frodo.“
— *Der Herr der Ringe*, Buch IV, Kapitel 8 „Die Treppe von Cirith Ungol“ (sinngemäß nach der deutschen Ausgabe)
Die Totensümpfe (Buch IV, Kapitel 2), durch die Gollum Frodo und Sam führt – jene versumpfte Ebene mit den Gesichtern Gefallener unter der Wasseroberfläche – werden in der Tolkien-Forschung regelmäßig mit den Erfahrungen an der Somme in Verbindung gebracht. Tolkien selbst hat diesen direkten Bezug nicht schriftlich fixiert; die Parallele bleibt eine viel diskutierte, naheliegende Interpretation.
Quellen:
Carpenter: Biographie, Kapitel 5 „Krieg“; Tolkien: Briefe, Brief Nr. 66; Der Herr der Ringe, Buch IV, Kapitel 2 und 8
13. Tolkiens Glaube
Unsichtbare Theologie in Mittelerde
Tolkien war ein tief gläubiger Katholik. Er hatte maßgeblichen Anteil an der Bekehrung seines Freundes C.S. Lewis zum Christentum. Obwohl Tolkien jede direkte Allegorie in seinem Werk entschieden ablehnte, durchdringt seine christliche Weltanschauung die gesamte Mythologie. In Brief Nr. 131 schrieb er:
„Der Herr der Ringe ist natürlich ein grundlegend religiöses und katholisches Werk; unbewusst am Anfang, aber bewusst in der Überarbeitung. Das ist der Grund, warum ich keine Allegorie oder zeitgemäße Bedeutung in die Geschichte eingebaut habe. Die religiösen Elemente sind ins Material und in die Symbolik eingeflossen.“
— J.R.R. Tolkien, Brief Nr. 142 an Robert Murray SJ (2. Dezember 1953); (Originaltext: „The Lord of the Rings is of course a fundamentally religious and Catholic work; unconsciously so at first, but consciously in the revision.“)
Im Silmarillion ist Ilúvatar (Eru, der Eine) ein eindeutig monotheistischer Schöpfergott, der die Welt durch Musik erschafft. Das Silmarillion beginnt:
„Am Anfang war Eru, der Eine, der in Arda Ilúvatar genannt wird; und er erschuf zuerst die Ainur, die Heiligen, die die Brut seines Denkens waren, und sie waren bei ihm, bevor irgend etwas anderes erschaffen ward.“
— *Das Silmarillion*, „Ainulindalë: Die Musik der Ainur“
Tolkien prägte für seine Erzählweise den Begriff „Eukatastrophe“ – den plötzlichen Umschlag von tiefstem Unglück zu unverhoffter Freude. Er entwickelte diesen Begriff im Aufsatz „On Fairy-Stories“ (1947):
„Die Eukatastrophe des Märchens ist die wahre Form des Märchens und seine höchste Funktion. […] Im Märchen kann der Mensch – wenn er einen Augenblick lang Glauben hat – tatsächlich von Freude erschüttert werden: einer Freude, die ebenso durchdringend ist wie Trauer.“
— J.R.R. Tolkien, „On Fairy-Stories“ (1947), in: *The Monsters and the Critics and Other Essays* (1983); (sinngemäß übersetzt)
Im Herrn der Ringe manifestiert sich dies im Augenblick, da der Ring im Feuer des Schicksalsbergs vernichtet wird – obwohl Frodo im entscheidenden Moment selbst gescheitert ist. Die Rettung kommt nicht durch bloße Willenskraft, sondern durch das Zusammenspiel von Mitgefühl (Frodos frühere Schonung Gollums) und dem, was Tolkien als Vorsehung verstand.
Quellen:
Tolkien, J.R.R.: „On Fairy-Stories“ (1947), in: The Monsters and the Critics and Other Essays (1983); Tolkien: Briefe, Brief Nr. 131 und Brief Nr. 142; Das Silmarillion, „Ainulindalë“; Carpenter: Biographie, Kapitel 7
Nachwort
Meiner Meinung nach ist Mittelerde ein mythischer Ort, der seinen Ursprung in der realen Welt hat. Auch wenn es eine fantastische Geschichte ist, lässt es sich nicht abstreiten, dass es viele Einflüsse gab, die Tolkien beim Schreiben seiner Bücher beeinflusste.
Er wollte uns zeigen, dass ein Einziger das Schicksal Vieler bestimmen und Konflikte lösen kann; wir alle könnten sein wie Frodo, der es schafft in Begleitung seiner Gefährten die Welt von dem drohenden Unheil abzuwenden. Viele Menschen wollen eine friedliche gerechte Welt ohne Kriege und Konflikte, aber wer von uns erklärt sich dazu bereit, den Ring bis zum Ende zu tragen?
Hinweis:
Alle Textinhalte dieser Seite basieren auf Tolkiens eigenen Werken, seinen veröffentlichten Briefen sowie der autorisierten Biographie von Humphrey Carpenter (1977). Sinngemäße Übersetzungen englischer Originaltexte sind als solche gekennzeichnet. Filmadaptionen wurden bei der Recherche nicht herangezogen.